Neues Workshop-Format: „Intergenerative Kooperationen neu denken“

Frau Ernst, seit vielen Jahren arbeiten jüngere und ältere Beschäftigte in Teams zusammen. Aber so richtig gut klappt das selten. Warum eigentlich?

"In unserem Workshop wurde noch einmal deutlich: Die Vorbehalte sind das größte Hindernis für die gute Zusammenarbeit – und zwar in jede Richtung. Wir hatten die Teilnehmer aufgefordert, einmal ganz ungeschminkt zu notieren, was sie über die anderen Generationen denken. Da kamen viele ungeschönte Wahrheiten ans Licht: Die Älteren diagnostizieren der jüngeren Generation eine überzogene Anspruchshaltung bis hin zur Respektlosigkeit. Die Jüngeren hingegen unterstellen der älteren Generation generell zu großes Hierarchie-Denken und Angst vor Neuerungen. Der Satz „Das haben wir schon immer so gemacht“ ist für alle Jüngeren typisch Babyboomer."

 Das klingt nach ordentlich Konfliktpotenzial. Wie konnten die Teilnehmenden damit umgehen?

"Ich war überrascht, wie schnell und sehr offen miteinander diskutiert wurde. Ziel war ja, sich ehrlich mit den Vorbehalten auseinander zu setzen, die beim Generationsübergreifenden Zusammenarbeiten entstehen – und das wurde mutig und provokativ getan. Es gab viel Stoff zum Diskutieren, Nachdenken, Irritiert sein. Eine grundlegende Erkenntnis des Tages war: Dass man sich ein Bild vom Anderen macht, ist völlig normal. Der Trick ist jedoch, bei seinem ersten Bild nicht stehen zu bleiben. Es gilt ein zweites Mal hinzuschauen. Ganz gleich, ob ich eine Person mit vielen Tattoos oder eine Person einer anderen Generation vor mir habe. Sich mit den eigenen Vorurteilen auseinanderzusetzen ist dabei immer ein schmerzlicher Moment und oftmals auch mit Scham besetzt. Doch es kann sehr heilsam sein. Unsere Workshop-Teilnehmer meldeten auf jeden Fall zurück, dass sie dieser neue Blick auf das Generationen-Miteinander sehr inspiriert hat."

 Wie kann man sich das vorstellen? Bröckeln diese harten Vorurteile tatsächlich in den paar Stunden des Workshops?

"Die Grundidee des Konzeptes für den Workshop war, näher hin zu hören. Ich bin fest davon überzeugt: Erst, wenn ich mein Gegenüber verstehe, kann ich mit ihm oder ihr in eine gelingende Kommunikation kommen. Im Austausch wurde zum Beispiel deutlich: So manches, was die Älteren bei den Jüngeren als Generationenmanko abwerten, hat gar nichts mit der Generation zu tun. Sondern schlicht damit, dass man Berufsanfänger ist, sich beweisen muss, einen Einstieg finden möchte. Im Rückblick stellten viele Älteren fest: Ich war als junger Mensch gar nicht so viel anders in Bezug auf meine Werte oder Ziele. Die Jüngeren sahen im Austausch, dass die Älteren ja auch tatsächlich viel zu verlieren haben. Wenn man aber offen von Konkurrenz spricht, statt andere durch Vorurteile abzuwerten, verändert sich bereits viel im Miteinander. Es macht einfach einen riesigen Unterschied, ob ich über oder mit jemandem spreche. Inspiriert hatte mich im Vorfeld übrigens ein Projekt der ZEIT, in dem Menschen unterschiedlichster Gesinnungen miteinander ins Gespräch kamen (https://t.co/22y11oeUDu). Dass das Interesse da ist, zeigte die enorme Resonanz auf unseren Workshop."

 Was hat Sie besonders überrascht?

"Dass sich gerade in den härtesten Vorurteilen auch das Verbindende zeigt. Denn letztlich ähneln sich quer durch alle Generationen unsere Bedürfnisse nach Wertschätzung und Anerkennung. Ebenso waren Werte wie Leistung oder Gesundheit allen Generationen gleich wichtig. Die Erkenntnis, dass die gleichen Werte nur unterschiedlich gelebt werden, verbindet. Spannend war außerdem die Feststellung, dass es einen großen Unterschied macht, unter welchen Umständen Menschen aufgewachsen und sozialisiert werden. Habe ich die Erfahrung gemacht, auf dem Arbeitsmarkt mühselig um einen Platz kämpfen zu müssen, wie die Babyboomer, oder hatte ich von Beginn an unzählig viele Möglichkeiten, wie die Generation Y?"

 Was werden die Teilnehmenden in ihrem Alltag umsetzen?

"Es gab keinen Geheimtipp und kein neues Tool. Aber die Erkenntnis, dass miteinander reden tatsächlich hilft; klingt simpel und nicht neu und scheint doch immer wieder der Schlüssel zu sein. Den Mensch hinter der Überschrift (wildes Outfit, Tattoo, graue Haare,…) sehen zu wollen und sich selbst immer wieder bei Vorannahmen zu hinterfragen, löst viele harte Vorurteile auf. Dazu gehört etwas Mut und Neugier, aber es lohnt sich. Die Gruppe merkte selbst, wie die angenommenen Unterschiede im Laufe des Tages schwanden und einer interessierten Neugier Platz machten. Ich denke, diesen Impuls nehmen sie mit in ihren Alltag."

Ist dieses verständnisvolle Miteinander, von dem Sie sprechen, in agilen, projektgetriebenen Unternehmen überhaupt umsetzbar?

"Es klingt ja zunächst nach Kuschelpädagogik. Doch davon bin ich weit entfernt. Es geht mir nicht darum, dass wir uns alle nur noch liebhaben sollen – es geht um einen offenen und mutigen Diskurs über Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Und genau hinzusehen, was die einzelnen Menschen mitbringen. Wir können nicht von einer bunten Welt träumen, in der – polemisch ausgedrückt - alle Chefs nur noch kleinere Ausgaben ihrer selbst einstellen. Wir leben längst in einer Welt der Vielfalt – nun sollten wir das riesige Potential auch heben und nutzen!"

 Was werden Sie selbst ab heute anders machen als bisher?

"Ich habe mich sehr ertappt gefühlt, als eine jüngere Teilnehmerin sagte, sie sei es so leid, nur aufgrund ihres Alters für digital affin und technisch hoch kompetent gehalten zu werden. Das hat, neben vielen anderen Dingen, nichts mit dem Alter zu tun. Diese Erkenntnisse kommen nicht von allein. Wir können von Führungskräften nicht nur Selbstreflexionsfähigkeit erwarten, wir müssen auch Räume schaffen, in denen diese Form von Austausch möglich wird."

Zitate aus der Teilnehmendenrunde:

„Meine Erkenntnis: Die Vorbehalte in Bezug auf Generationen sind eigentlich vorgeschoben. Letztlich sind alle Konflikte Verteilungskonflikte. Wer bekommt in der Firma was? Wer hat was zu sagen? Wessen Input gilt als Leistung?“

„Meine Erkenntnis des Tages: Alle können von allen lernen und profitieren.“

„Ich werde in Zukunft stärker darüber reflektieren, warum sich jeder so verhält, wie er oder sie es tut.“

 „Ich habe keine Vorurteile in Bezug auf andere Generationen – habe ich gedacht – aber ich muss mir eingestehen: Ich habe durchaus so einige Schubladen.“

 „Nach dem Tag ist mir noch einmal klarer: Wir werden es nur gemeinsam schaffen. In der zukünftigen Arbeitswelt werden alle Generationen zusammenarbeiten. Wir müssen uns unseren Vorbehalten stellen.“